Grundlagen

Grundlagen zur Theologie und Mystik der Hl. Gertrud von Helfta

2.) Die Lebensmacht des Gotteswortes im Verstummen des Lebens – Prophetie bei Gertrud von Helfta[1]
von PD Dr. Hildegund Keul

Gertrud von Helfta, eine Mystikerin aus dem 13. Jh. (1256-1302), wird in der katholischen Kirche als Heilige verehrt. Heiligenverehrung ist jedoch nicht zu verwechseln mit Personenkult. Sie betreibt keine trübsinnige Reminiszenz an frühere Epochen, die nur das Ressentiment der eigenen Zeit gegenüber nährt. Heilige werden verehrt, weil und insofern sie in den Herausforderungen der Gegenwart etwas zu sagen haben. Daher stellt sich die Frage, in welchen Themen die Mystikerin von damals heute eine Autorität darstellt. Bei Gertrud der Großen ist von großem Vorteil, dass sie zwei Bücher geschrieben hat, die heute noch verfügbar sind: den „Legatus Divinae Pietatis“, „Gesandter der göttlichen Liebe”, der allerdings nur teilweise aus ihrer eigenen Feder stammt; und die „Geistlichen Übungen“, die „Exercitia spiritualia“.[2] Wie es im Folgenden zu zeigen gilt, kann die Sprachkraft ihres Werkes einen Beitrag dazu leisten, dass sich die Kirche in den Umbrüchen der heutigen Zeit bewährt. Denn die heilige Gertrud bringt ein theologisches Problem von pastoraler Tragweite zur Sprache: die Lebensmacht des Gotteswortes im Verstummen menschlichen Lebens.
Die Frage nach der Lebensmacht des Gotteswortes stellt sich zunächst in einer Berufungsgeschichte, die Gertruds Biografin im 1. Buch des „Legatus“ wiedergibt. Gertrud befürchtet, dass sie sich im seelsorglichen Gespräch mit der Binde- und Lösegewalt etwas anmaßt, das ihr nicht zusteht. Daraufhin vollzieht Christus eine Symbolhandlung: „Und ihre [Gertruds] Zunge berührend, spricht er: ‘Sieh, ich habe meine Worte in deinen Mund gelegt, und ich bestätige in meiner Wahrheit alle Worte, die du, angetrieben von meinem Geist, irgend jemandem in meinen Namen sagen wirst’“ (Legatus I, 14). Der anonymen Mitschwester, die diese Berufung aufzeichnet, erscheint das Thema heikel. Sie schreibt: „Ich habe dies unter ziemlich schwierigen Umständen aufgespürt; es war, als hätte es unter einem schweren Stein eingeschlossen gelegen.“ (ebd.) Christus legt das Wort Gottes in den Mund einer Frau. Ein großer Stein muss weggerollt werden, damit diese verschwiegene Wahrheit zur Sprache kommt. Zugleich weiß die Biografin, dass sie diese Berufung nicht verschweigen darf. Zur Formulierung der unerhörten Angelegenheit greift sie auf Jeremia zurück. Auch dieser Prophet hat Einwendungen gegen seine Berufung: „Ach, mein Gott, Jahwe, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung.“ (Jer 1, 6) Daraufhin vollzieht Gott die Zeichenhandlung: „Und Jahwe streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“ (Jer 1, 9-10)
Mit der Berufung wird Gertrud in die jüdisch-christliche Tradition der Prophetie gestellt. Die Berufung zielt auf das Wort Gottes, das aus ihrem Mund zur Welt kommen will.[3] Prophetin des Gotteswortes zu sein, ist jedoch eine heikle Angelegenheit. Denn das Wort Gottes stellt im Leben von Menschen eine Macht dar: Es kann binden und lösen, ausreißen und aufbauen, zerstören und pflanzen. Diese unerhörte Wirkmacht, mit der es Gertrud als Prophetin zu tun hat, stellt für den Menschen eine Überforderung dar. Die Zusage Gottes erscheint deswegen auch als Zumutung, vor der Gertrud und ihre Mitschwester zurückschrecken. Die Berufung zur Prophetie kann einer durchaus die Sprache verschlagen.

1. Die Sprache zerbricht – eine Ohnmachtserfahrung heutiger Gottesrede

Die Frage nach dem Wort Gottes und der Sprache der Menschen ist auch heute noch theologisch virulent und pastoral entscheidend. Das Wort Gottes wird von Menschen zum Thema und damit präsent gemacht, oder es kommt nicht zur Sprache. Aber welche Sprache ist hier zugkräftig und wirklich fähig, Gott zu Wort kommen zu lassen? An diesem Punkt setzt das an, was das 2. Vatikanum das prophetische Amt aller Gläubigen nennt (vgl. Kirchenkonstitution LG 31). Hier geht es um das Zeugnis des Lebens und die „Gnade des Wortes“ (LG 35), die innerlich miteinander verbunden sind. Im eigenen Leben gilt es, nach der Wahrheit des christlichen Glaubens zu suchen und sie auch zu vertreten. Gott wird zur Sprache gebracht, indem die Bedeutung des Evangeliums in den gegenwärtigen Lebensproblemen benannt wird. Aber gerade mit diesem „Zur-Sprache-bringen“ haben die Gläubigen heute vielerorts Schwierigkeiten. Sie fühlen sich von ihrer Berufung zum Wort überfordert. Bei der Frage, wo das Wort Gottes heute spricht und was es sagt, macht sich Ratlosigkeit breit.[4]
Die pastorale Situation der Gegenwart ist von der Schwierigkeit gezeichnet, das Wort Gottes gegenwärtig, das heißt in den Brüchen der eigenen Zeit, zur Sprache zu bringen. Dies zeigt sich besonders im Dialog der Generationen wie im Dialog mit Nichtchristen. Der Dialog der Generationen ist in der deutschen Kirche in die Krise geraten. Die Großeltern, die den christlichen Glauben als Segen erfahren haben, können ihren Glauben oft nicht mehr so zur Sprache bringen, dass er den jungen Menschen die eigene Lebenswelt erschließt. Ältere Frauen leiden besonders an dieser Situation und erleben sie als schmerzliches Versagen. Zugleich führt dieses Scheitern zu einem Riss im eigenen Glauben. Wenn ich nicht mehr sagen kann, was der Glaube heute bedeutet, was bedeutet er dann überhaupt noch? Umgekehrt merkt die junge Generation, dass die Tradition einen Schatz birgt, der ihr aber nur schwer zugänglich ist, weil er in einer Sprache spricht, der in ihrer Lebenssituation nicht greift. Jugendliche benennen ihre Sprachlosigkeit im Glauben als ein Schlüsselproblem.
Ein zweites Feld prophetischer Herausforderung ist der Dialog von Gläubigen mit Menschen, denen die christliche Religion fremd ist. Die meisten Menschen in den östlichen Bundesländern halten Gottesfragen für bedeutungslos. Sie fragen entweder gar nicht oder skeptisch oder neugierig nach, wer Gott ist und wo sich das Handeln Gottes zeigt. Hierauf in einer alltäglichen Situation zu antworten – am Arbeitsplatz oder über den Gartenzaun hinweg – ist schwierig. Aber an den Brüchen des Lebens, wo sich ein Abgrund auftut, verschlägt es einer dann ganz die Sprache. Es ist schwer zu benennen, was das Evangelium vom Reich Gottes hier konkret besagt.
In der Pastoral breitet sich eine Sprachlosigkeit aus, die für die heutige Situation der Gottesrede markant ist. Hier handelt es sich nicht nur um persönliches Versagen, sondern es zeigt sich ein Umbruch in der Gottesrede. Zwischen der innerkirchlich-religiösen Sprache einerseits und der säkular-alltäglichen Sprache andererseits gibt es eine Kluft, die auch die Kirche selbst durchzieht. Wer sich aktiv an ihrem Leben beteiligt, lebt in zwei Sprachwelten, die oft unverbunden nebeneinander stehen. Was hat das, was in der vertrauten religiösen Sprache gesagt wird, in der Welt der Arbeit und des Berufs zu sagen? Wie kann Gott hier zum Thema gemacht werden – in den Sorgen der Menschen um ihre Zukunft; mit ihrer Hoffnungslosigkeit in einem desaströsen Arbeitsmarkt; in der Trostlosigkeit persönlicher Schicksale? Wie kann hier der christlichen Hoffnung das Wort geredet werden? Die Kirche befindet sich in einer paradoxen Situation. Sie hält mit der Bibel das Wort Gottes in Händen. Aber was dieses Wort heute zu sagen hat, stellt ein Problem dar. Mit einer reichen Sprachtradition sprachlos zu werden, ist schmerzlich. Viele Menschen fühlen sich ohnmächtig diesem Versagen ausgeliefert. Sie verstummen, bevor überhaupt ein Wort gesagt ist. Diese Herausforderung der christlichen Gottesrede stellt einen gewichtigen Grund dar, sich mit der Prophetie Gertruds von Helfta auseinanderzusetzen. Prophetie ist nämlich nicht Wahrsagerei, die das Blaue vom Himmel redet, sondern sie ist das Wort, das die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zur Sprache bringt. Sie macht sich dem Geheimnis des Lebens auf die Spur, das sich an den Grenzen des Todes offenbart und gerade hier seine Wirkmacht entfaltet.

2. Der Lebensmacht des Wortes auf der Spur – Prophetie in den Brüchen der Zeit

Gertrud von Helfta ist eine Prophetin. Nun könnte man meinen, dass sie deswegen nichts zur heutigen Sprachlosigkeit zu sagen hätte. Aber das Gegenteil ist der Fall. Schon im Alten Testament gehören das Verstummen und die Prophetie zusammen. Am Dornbusch sagt Mose: „Aber Jahwe, ich bin keiner, der gut reden kann, weder gestern noch vorgestern noch seitdem du mit deinem Knecht sprichst. Mein Mund und meine Zunge sind nämlich schwerfällig.“ (Ex 4,10) Aber obwohl Mose eine lahme Zunge hat und Jeremia sich für zu jung hält, müssen sie öffentlich das Wort ergreifen. Denn dieses Wort liegt nicht in ihrer Verfügungsgewalt. Es beginnt dort zu sprechen, wo Menschen in der Ohnmacht ihres Lebens verstummen: in der Knechtschaft Israels, in der Drohung des Exils, wo Unrecht und Gewalt herrschen. Gertrud führt diese biblische Tradition weiter. Sie verleiht dem Wort Gottes Zugkraft, indem sie sich ihm in den Brüchen ihrer Zeit auf die Spur macht.

2.1 Das Exerzitienbuch als Alphabet der Liebe – Gertruds Vision eines begeisterten Lebens

Von den beiden Werken Gertruds ist der „Legatus“ in der christlichen Spiritualitätsgeschichte bekannt und geschätzt. Ihre „Exercitia Spiritualia“ galten dagegen bisher eher als Nebenwerk. Seit 2001 liegen diese Exercitia in einer neuen lateinisch-deutschen Ausgabe vor, und deren Herausgeber Siegfried Ringler stellt fest, dass die Bedeutung dieses Werkes verkannt wurde. Es ist keineswegs ein Anhang des Legatus, sondern „ein Hauptwerk der mittelalterlichen Mystik“.[5] Wie im Folgenden gezeigt wird, leistet Gertrud mit ihren „Exercitia Spiritualia“ einen prophetischen Beitrag zur Geburt des Gotteswortes, das in der Mühsal des Alltags die Quelle des Lebens erschließt.
Gertrud schreibt ihre Exercitia besonders für Frauenklöster und Beginenhäuser, mit denen ihr Kloster in regem Kontakt steht.[6] Die Mystikerin tut dies mit Unterstützung, vielleicht sogar im Auftrag ihres Konvents. Denn ohne dessen Zustimmung könnte Gertrud gar nicht schreiben, geschweige denn veröffentlichen. Um schreiben zu können, braucht sie Pergament, einen Schreibort sowie zumindest eine gewisse zeitliche Freistellung. Die Produktion von Büchern ist im 13. Jh. in doppeltem Sinn des Wortes wertvoll und teuer. Das Buch „bleibt bis tief ins Hochmittelalter hinein ein Gegenstand der Verehrung und des Respekts, ein Numinosum.“[7] Bücher rühren an das Geheimnis der Schöpfung durch Gottes Wort „Es werde“. Auch die Erlösung durch Christus wird mit dem Johannesevangelium „als ein Aussprechen des göttlichen Wortes“ (ebd.) verstanden. Wegen des Respekts der Menschen vor dem Buch schreibt im Mittelalter niemand ohne triftigen Grund. Bei Gertrud liegt dieser Grund in dem tiefgreifenden Umbruch, den die Seelsorge in Frauenklöstern ihrer Zeit durchmacht.
Im 13. Jh. bringt die Armutsbewegung das tradierte Ordensgefüge ins Wanken. In einer Welt, „die zunehmend vom Geld durchdrungen war, die immer wohlhabender wurde, die sich mit Freuden schmückte, sich an Vergnügungen gewöhnte, entstanden die gegenläufigen Vorbilder der Vollkommenheit in der Armut, der Einsamkeit und der totalen Entblößung.“[8] Frauen gründen neue geistliche (Beginen-) Gemeinschaften und Klöster und erleben dort einen ungeheuren Zustrom. Dieser Aufbruch weckt Hoffnungen, aber auch Befürchtungen. Welche Richtung werden die Neugründungen einschlagen; sind sie bereit, sich der Kirchenleitung zu unterwerfen; können und wollen die Frauen überhaupt ein Leben nach den evangelischen Räten führen? Darüber hinaus ist das 13. Jh. eine Zeit theologischer Auseinandersetzungen, die nicht nur an den scholastischen Lehrstühlen und in Synoden, sondern auch in der Armutsbewegung auf den Straßen und Gassen der Städte ausgetragen werden.[9] Differenzen entstehen, Konflikte brechen auf, Schwärmertum und Fundamentalismus liegen in der Luft. Viele Menschen sehen Gründe genug, den Frauen skeptisch gegenüber zu stehen, zumal in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gegen die Beginen ein Häresievorwurf erhoben wird.
Überfüllte Frauenklöster; Frauenklöster ohne spezielle Ordenszugehörigkeit (wie das Kloster Helfta, das zwar nach der Zisterzienserregel lebt, aber nicht in den Orden inkorporiert ist; vgl. Bangert 1997, 24); die Unruhe der Beginenbewegung; das Entstehen neuer religiöser Gruppen – sie führen das geistliche Leben in eine brisante Situation, zumal die Frauen aus allen Ständen der Gesellschaft stammen und damit das mittelalterliche Ständesystem in Frage stellen. Triebfeder des Aufbruchs ist eine anhaltende Begeisterung für das geistliche Leben. Aber es ist noch unklar, welche Richtung die differenten Bewegungen nehmen werden. Die Frauen verfügen noch nicht über eine Sprache, die ihrer Begeisterung eine klare Orientierung gibt. Die Verkündigung des Gotteswortes gerät in die Krise. In dieser Situation liegt es nahe, dass sich die Orden engagieren und die Bewegung in bestimmte geistliche Bahnen zu lenken versuchen. Allerdings gehen die eher an Männern orientierten Orden auf Distanz. Sie sind von dem Schrecken gebannt, dass sie nun die Seelsorge und Sakramentenversorgung der Frauen bewerkstelligen müssen. Schon 1228 hatte das Generalkapitel von Cîteaux beschlossen, keine weiteren Frauenklöster aufzunehmen. Aber während einige Männerklöster eher zurückhaltend sind, werden Frauenklöster aktiv. Dies zeigt sich im Kloster Helfta. Obwohl es zunächst klein und unbedeutend ist, entsteht hier ein idealer Ort, um der differenten Frauenbewegung eine gemeinsame Richtung zu geben. Denn Helfta ist ein Kloster mit theologischem Niveau und Begeisterung für das kontemplative Leben. Seine Schwestern arbeiten in der Seelsorge und verleihen dem Wort Gottes visionäre Zugkraft. In diesem Kloster verfasst Gertrud ein Werk, in dem die geistliche Bewegung zu ihrer Sprache kommt. Dabei spielen die Exercitia eine besondere Rolle. Gertrud schreibt hier keinen Traktat, sondern sie bietet etwas an, was die Frauen ihrer Zeit not-wendig brauchen: Geistliche Übungen. Dass Gertrud diese Form wählt, ist geradezu genial. Als Mystikerin beantwortet sie die seelsorgliche Herausforderung ihrer Zeit, indem sie sagt, was Frauen tun können, um sich an die Lebensmacht des Gotteswortes zu binden. Sie gibt den Klöstern, die sich in einer bedrängten Situation befinden, das sprachliche Handwerkszeug, mit dem sie ihrem Leben geistliche Orientierung geben. Damit wirkt Gertrud der Gefahr entgegen, dass der Aufbruch des geistlichen Lebens nur ein kurzes Aufflammen ist, das bald wie ein Strohfeuer verglüht.
Die Entstehung der Exercitia Spiritualia sind von diesem geschichtlichen Ort her zu begreifen. Sie sind die Worte einer Frau, die anderen Frauen (und Männern) den Zugang zur Lebensmacht des Gotteswortes eröffnen. „Komm, heiliger Geist, Lebenshauch, komm, o Gott-Liebe: erfülle mein Herz, denn – wehe! – von allem Guten ist es leer. Entzünde mich, zu lieben dich! Erleuchte mich, zu erkennen dich! Ziehe zu dir mich, erfreut zu werden durch dich! Errege mich, zu genießen dich!“ (Exercitia II, 24-36) Gertrud steht in der Seelsorge ihres Klosters vor Problemen, wie sie auch andere Klöster umtreiben. Viele Frauen, die von ihren Eltern ins Kloster gegeben werden oder die aus eigener Begeisterung diesen Weg einschlagen, geraten in eine Krise – wegen eines schweren, zermürbenden Alltags oder aufgrund besonderer Ereignisse, die diese Lebensform in Frage stellen. Gertrud stellt solchen Krisen eine christliche Vision vom Leben entgegen, das aus der Geistkraft der Liebe lebt.
„O Gott-Liebe, jeder, der dich nicht liebt und schätzt, ist stumm und sprachlos wie ein Kind. Und der allein macht Fortschritte, der dir ganz anhanget und dich allein unablässig liebt.“ (Exercitia V, 359) Im geistlichen Leben ist der Mensch zunächst sprachlos und stumm. Sprachfähig macht allein die Liebe. Dieser Zusammenhang von Gott, Liebe und Wort ist für die Mystik Gertruds grundlegend. Wo das Leben zu verdorren droht, gibt es nur eine Macht, die dieser schleichenden Zerstörung Einhalt gebietet: Die Liebe zum Leben. Gertrud von Helfta macht sich der Kraft auf die Spur, die diese Liebe weckt und ihr Atem und Stimme verleiht. „Zur Terz bete zum Herrn, dass er mit den lebendigen Buchstaben seines Geisthauchs deinem Herzen einschreibe das feurige Gesetz seiner göttlichen Liebe, dass du unzertrennlich ihm anhangest zu allen Stunden.“ (Exercitia V, 328ff) In der Liebe zum Leben ist spiritus am Werk, die Geistkraft Gottes, die die Schöpfung ins Leben ruft. In der Übung zur Erweckung der Liebe bittet die Mystikerin, dass Gott sie das Alphabet der Liebe lehre. Diese Bitte ist das Herz der Exerzitien und ein Höhepunkt christlicher Mystik (s. vorliegende Arbeitshilfe Seite 30).
Das Studium des Gotteswortes ist ein Exerzitium der Liebe. Deswegen sind Gertruds Exercitia eine Einübung in das Alphabet der Liebe. Sie rufen den spiritus an, der das Geheimnis des Lebens mitten in der Zerrissenheit des Alltags, in menschlichen Konflikten und geschichtlichen Umbrüchen offenbart. Das Geheimnis des Lebens ist nicht in ferner Ewigkeit verschlossen, sondern in der Alltäglichkeit des Lebens wirksam. Siegfried Ringler betont zurecht, dass die Exerzitien Gertruds „in der Hoffnung auf die Rückkehr in die ewige Heimat, auf ein Leben in und mit Gott hier auf Erden“ zielen (Ringler 2001, 17). Das Geheimnis des Lebens offenbart sich, wo Menschen dem Alltag beharrlich das Leben abringen. Dies geschieht in der Kraft des spiritus, der den Tod aus der Macht der Liebe überwindet. In ihren Exercitia zeigt Gertrud sich als Exerzitienmeisterin, die der göttlichen Liebe das Wort redet.

2.2 Das Sakrament des Wortes – Gott kommt zur Sprache im Umbruch der Zeit

Gertruds Exerzitien sind eine Einübung in die Liebe. Sie entwerfen die Vision eines begeisterten Lebens, das sich den Brüchen des Alltags zu stellen vermag. Denn dieses Leben folgt dem spiritus, dem Lebensgeist, der die Gottesliebe weckt. Wie in der jüdisch-christlichen Tradition insgesamt stehen auch bei Gertrud Lebensatem und Liebe, Sprache und Gottesgeist in engem Zusammenhang.[10] Bereits im Ersten Testament ist Ruach die Lebenskraft Gottes, die Menschen Atem und Stimme verleiht. Sie lässt das verstummte Leben zu Wort kommen. Prophetie wiederum steht im Dienst dieses beGEISTerten Wortes, das im Verstummen die Lebensmacht Gottes freisetzt. Im Christentum wird diese Geistlehre zugespitzt, weil Christus, das Wort Gottes, Fleisch wird. Die Begegnung mit Christus, dem Bräutigam, ist in der Mystik deswegen die Begegnung mit dem lebenschaffenden Wort Gottes. „O Liebe, dich zu genießen, das ist, wenn das göttliche Wort und die Seele sich in größter Huld und Würde inniglich verbinden, bewirkt durch die vollkommene Einigung mit Gott.“ (Exercitia V, 126). Wo sich das göttliche Wort und die Seele berühren, geschieht die unio mystica.
Diese unio mystica, die Berührung von Wort und Seele, ist das Herz der Mystik. Dabei handelt es sich nicht um ein abstraktes Wort, sondern um das Wort Gottes, das dem verstummten Leben zur Sprache verhilft. Das Geheimnis des Lebens offenbart sich als die Liebe, die Menschen in ihrer Niedergeschlagenheit die Kraft der Auferstehung verleiht. Diese Macht des Gotteswortes liegt nicht in der Verfügungsgewalt eines Menschen. Vielmehr offenbart es sich selbst in der Not, die Menschen sprachlos macht. Hier zeigt es sich als unverfügbares Geheimnis. Kein Mensch kann diese Macht erzwingen, denn sie fließt gerade dort, wo Menschen in Bedrängnis sind. Aber Menschen können sich an diese Macht binden, die sich in der Not ihres Lebens zeigt. Wer sich an diese Macht bindet, dem oder der fließt die Lebensmacht Gottes zu. Die Exerzitien Gertruds dienen diesem Ziel. Sie stellen die Worte zur Verfügung, mit denen Menschen sich an das Geheimnis ihres Lebens erinnern und sich ihm verschreiben. Gertrud bittet: „Fac me [...] sacramentum fidei sacrae tanquam fasciculum myrrhae in pectore meo“ (Exercitia I, 157) – „Mach, [...] dass ich den Treueid des heiligen Glaubens wie ein Myrrhenbüschel an meiner Brust ständig bei mir führe“. Ringler übersetzt hier sacramentum mit Treueid. Er greift auf die säkulare Herkunft des lateinischen Wortes zurück, das „Fahneneid“ bedeutet und in der römischen Gesellschaft die Treueverpflichtung der Soldaten bezeichnet.
Die Übersetzung ist einerseits treffend, denn wer die Lebensmacht des Gotteswortes erfahren hat, will nicht mehr von ihm loslassen, sondern will sich ihm zutiefst verbinden. Deswegen leistet die Mystikerin einen Treueid. Sie verschreibt sich der Liebe als dem Geheimnis ihres Lebens. Sie gibt ihr Wort, dass sie an diese Liebe Gottes glaubt und aus ihr lebt. Andererseits geht in der deutschen Übersetzung die Bezeichnung dieses Aktes als Sakrament verloren. Damit rückt der Zusammenhang von Mystik und Sakrament aus dem Blick. Weil die Mystik die Einheit von Gott und Mensch (unio mystica) anstrebt, geht es in ihr um die sakramentale Dimension des Lebens. Schon die Wortgeschichte verweist hierauf, denn das lateinische Wort sacramentum ist im frühen Christentum die Übersetzung des griechischen mysterion. Es bezeichnet den Treueid auf das Geheimnis des Lebens, das sich in Christus als die Liebe offenbart. Später wird in der Sakramentenlehre unterschieden zwischen einem engen Sakramentenbegriff, der seit dem Mittelalter die sieben Sakramente meint; und einem weiten Begriff, den das 2. Vatikanische Konzil definiert: „Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit.“ (Lumen Gentium 1) „Sakrament“ wird hier als Zeichen und Werkzeug jener innigsten Vereinigung von Gott und Mensch verstanden, wie sie auch die unio mystica charakterisiert.
Das Exerzitienbuch Gertruds ist kein wissenschaftliches Werk. Seine Übungen wollen praktiziert werden. Seine Sprache stellt Zeichen zur Verfügung, die die Vereinigung von Gott und Mensch eröffnen. Wer diese Zeichen mit der eigenen Lebenssituation im Heute verbindet, lernt die Not des Lebens beten. „O treue Güte, treue Güte, in Angst und Not bin ich versetzt: mögest du mich nicht verlassen. Von meinem Schluchzen und von meinem lauten Schrei mögest du dein Angesicht nicht abwenden. Dich soll zwingen deine innige Liebe, geduldig mich zu hören.“ (Exercitia VII, 442) Die geistlichen Übungen öffnen für das Sakrament des Wortes,[11] das in der Ohnmacht des Verstummens wirkt. Die Betende beantwortet die Gegenwart Gottes mit dem Treueid der Liebe. Sie bindet sich mit Leib und Seele an diese Macht, die aus dem tödlichen Verstummen erlöst.
Der an den Psalmen geschärfte Sprachschatz der Exercitia lehrt die Not des Lebens zu beten. Dies entledigt die Betenden nicht der Anstrengung des eigenen Wortes. Sie haben die Worte Gertruds so mit der eigenen Lebenssituation zu verbinden, dass das Wort Gottes zu Gehör kommt. Indem die Meditierende Gertruds Worte spricht, lauscht sie auf das Wort, das alle menschliche Sprache überschreitet. In den Buchstaben ist es nicht zu finden. Aber die Worte sind Zeichen, die über sich selbst hinaus weisen und so als Werkzeug dienen, mit dem das Wort Gottes in Erscheinung tritt. Von Gott her wird der vorliegende Text (die Exercitia) auf die Situation der Betenden überschritten. Die Exerzitien sind kein Leierkasten, sondern Gebete, die das Verstummen der Betenden überwinden. Das Wort Gottes löst ihr die Zunge.[12] Deswegen sind die Exerzitien ein Prozess, der sprachfähig macht. Wo das Wort Gottes erhört wird, löst sich das Verstummen des Lebens und wird befreit zum eigenen Wort. Das Wort Gottes wird in der geistlichen Übung gegenwärtig und vollzieht sich als Sakrament des Lebens. Es löst aus der Verzweiflung und setzt die bindende Lebenskraft der Liebe frei.
Zwar sind die Worte des Exerzitienbuches nicht mit dem Wort Gottes identisch. Sie haben vielmehr ihre ganz profanen Seiten: die Buchstaben, die Anzahl der Worte, die Grammatik der Sprache. Bei denen, die sie lesen, führen sie nicht automatisch zu einem begeisterten Leben. Aber ihre Worte setzen Zeichen, die diesen Weg eröffnen. „O Gott-Liebe, mich hast du erschaffen: in deiner Liebe schaffe mich neu.“ (Exercitia V, 497 ff) Neuschöpfung ist notwendig, wo das Leben erstirbt. Die Neuschöpfung aber geschieht im Wort, das die Liebe freisetzt. In diesem Sinn können die Worte Gertruds das Wort Gottes zur Erscheinung bringen. Die Exercitia rufen die Gottesliebe an, auf dass sie ihre Lebensmacht entfaltet. Aus diesem Grund ist das Buch ein mystisches Werk. Wenn seine Worte in der Not des Lebens gebetet werden, kann das Wort Gottes selbst in Erscheinung treten. Denn Gertruds Worte setzen Zeichen der Lebensmacht, die die Not zum Segen wendet. Gott wird gegenwärtig in dem Wort, das mitten in der Not die Quelle des Lebens erschließt. Die Bitte um Neuschöpfung der Liebe hat dann die Kraft, einen Neuanfang im Leben zu setzen.

2.3 Die Geburt des Gotteswortes in der Ohnmacht des Verstummens – die unio mystica einer geistesgegenwärtigen Sprache

Die Exercitia Spiritualia Gertruds bringen in einer Zeit des Umbruchs, tiefgreifender sozialer Veränderungen und religiöser Prozesse die Lebensmacht des Gotteswortes zur Sprache. Sie sind ein Werk mit visionärer Zugkraft, das in den Brüchen des Lebens zum Aufbruch befähigt. Aber auch bei Gertrud ist diese Prophetie nicht zu erlangen ohne die Sprachlosigkeit. Im Gegenteil, ihre visionäre Prophetie erwächst dem Verstummen des Lebens, in dem die vorhandene Sprache versagt. Dieser Zusammenhang macht das Werk Gertruds für die heutige Kirche wegweisend. Denn auch heute befindet sich die Gottesrede in einem tiefgreifenden Umbruch. In der Pastoral zeigt sich besonders drängend, wenn die Gottesrede in den Lebensproblemen der Gegenwart nicht mehr greift. Die Sprache, in der von Gott gesprochen wird, hat noch nicht zu einer Form gefunden, die den Sprachschatz der christlichen Tradition im Heute erschließt.
Gertruds Werk setzt in dieser Situation eine Wegmarke, die den Aufbruch zu einer neuen Sprache ermöglicht. Es offenbart eine verschwiegene Hoffnung: Das Verstummen von Menschen ist ein Ort, an dem das Wort Gottes sich zeigt. Hier entsteht die Sprache, die das Wort Gottes in der eigenen Zeit zum Vorschein bringt. Wer sich dem Verstummen stellt, macht sich einer geistesgegenwärtigen Sprache auf die Spur. Prophetie ist dieser notwendige Prozess der Sprachfindung. Diesen Prozess durchlebt die Gottesrede von Menschen, die von Sprachlosigkeit und Verstummen bedrängt sind. Das Werkzeug der Prophetie ist die Sprache. Aber das Problem, mit dem sie es zu tun hat, ist das Verstummen. Sie beginnt an der Grenze, wo es Menschen die Sprache verschlägt, weil das Leben erstirbt.
Wenn jemand verstummt, heißt das nicht, dass er oder sie nichts zu sagen hat. Es bedeutet vielmehr, dass es die Sprache noch nicht gibt für das, was um des Lebens willen benannt werden will. Das Verstummen ist der Schrei nach einer neuen Sprache. Dies gilt auch für das Versagen der heutigen Gottesrede. Zwar liegt mit der Bibel das Wort Gottes in menschlicher Hand. Aber von der Hand zum Mund ist es manchmal ein langer Weg. Wer die Bibel zur Hand nimmt, wird nicht automatisch sprachfähig in Sachen Gott. Jedoch stellt die Bibel einen Sprachschatz zur Verfügung, der Menschen in der Not ihres Lebens sprachfähig macht. Sie bringt da, wo sie mit dem Verstummen heutiger Menschen konfrontiert wird, das Wort Gottes zur Erscheinung. Dieses Wort ist kein Ding, über das Menschen verfügen können, sondern ein Ereignis, das zum Leben ermächtigt. Wenn Gott das Wort an die Prophetinnen und Propheten richtet, dann heißt es in der hebräischen Bibel: „Das Wort Gottes geschah“ (z.B. Jer 1,4). Das Wort Gottes geschieht, indem es geistesgegenwärtig macht. Die Exercitia Gertruds legen hierfür ein beredtes Zeugnis ab. Sie stellen Worte zur Verfügung, die den Alltag auf die Geistesgegenwart hin öffnen und ihn an die Lebensmacht der Liebe binden.
Wo das menschliche Wort versagt, weil Elend und Not überwältigend sind, kommt das Wort zum Vorschein, das ein Zeichen der Hoffnung setzt und dem verschütteten Leben zum Durchbruch verhilft. Das Wort Gottes bricht das Schweigen der Verstummten. Es benennt die Verheißung, die das erniedrigte Leben aufrichtet und Menschen zum Leben begeistert. Es macht die Verstummten nicht mundtot, sondern sprachfähig. Hier ereignet sich die unio mystica einer neuen, geistesgegenwärtigen Sprache. Die Offenbarung Gottes löst aus dem Verstummen und verhilft dem Leben ins Wort. Damit wehrt es zugleich der Gefahr, die an der Schwelle von Gotteswort und Menschenwort lauert. Das Wort Gottes kann seine Lebensmacht entfalten, wenn es in menschlicher Sprache zum Thema gemacht wird. In dieser Sprachwerdung ist es jedoch dem menschlichen Zugriff preisgegeben. Dies ist ein heikler Punkt. Wenn jemand behauptet: „Das Wort Gottes liegt in meinem Mund“, so kann diese Aussage einen Herrschaftsanspruch begründen, der andere Menschen knechtet und in einen tödlichen Abgrund stürzt.[13] Die Prophetie bei Gertrud von Helfta zeigt jedoch, dass das Wort Gottes in das Verstummen des Lebens hinein spricht. Christliche Prophetie ist an dieses Verstummen gebunden und von ihm gezeichnet. Wo sie das Verstummen übergeht oder die Verstummten zum Schweigen bringt, löst sie sich vom Wort Gottes.
Dieser Zusammenhang ist für die heutige Situation der Gottesrede gravierend. Wer mit einer reichen Sprachtradition sprachlos wird, möchte dieses Verstummen am liebsten mit vielen Worten zum Schweigen bringen. Aber dies ist in der Gottesrede ein Irrweg. Vielmehr geht es darum, sich dem Verstummen zu stellen trotz der Angst, zu versagen. Das Wort Gottes liegt im Mund gerade der Menschen, denen es die Sprache verschlägt. Ehrfurcht vor dem Wort Gottes gibt es deswegen nicht ohne Respekt vor denjenigen, die verstummen – wer auch immer dies sein mag. Wenn Menschen in der Ohnmacht ihres Verstummens das Wort zuwächst, das Leben eröffnet, werden sie auf neue Weise sprachfähig. Um diese Sprachfähigkeit geht es der Prophetie und damit auch dem prophetischen Amt aller Gläubigen. Sie steht im Dienst an der Lebensmacht des Wortes, das dem Verstummen erwächst, und macht sich der Lebensmacht des Gotteswortes in der eigenen Zeit auf die Spur. Ihre Sprache bringt das Wort Gottes zur Erscheinung, wo es geistesgegenwärtig die Zeichen der Zeit deutet. Wenn das menschliche Wort die Lebensmacht Gottes im Heute benennt, partizipiert es am sakramentalen Charakter des Gotteswortes. Denn hier geschieht die unio mystica, jene innigste Vereinigung von Wort und Seele, die eine geistesgegenwärtige Sprache eröffnet. Der heutige Umbruch in der Gottesrede, der sprachlos macht, ist deswegen kein Grund zur Resignation, sondern ein Grund zum Aufbruch in eine neue Sprache hinein.

Das Alphabet der Liebe

„O Gott-Liebe,
wie gegenwärtig bist du denen, die dich suchen,
wie süß, wie liebenswürdig denen,
die zu dir kommen und dich finden.
O, wenn du nun vor mir ausbreiten würdest
dein bewundernswertes Alphabet,
auf dass mein Herz, mit dir gemeinsam,
sich unterziehe einem einzigen Studium.
Sagen sollst du mir nun in lebendiger Erfahrung,
was das ist oder welcher Art es sei:
das Alpha deiner schönen Liebe und Neigung,
das glorreich die erste Stelle einnimmt.
Auch verheimliche mir nicht,
was reiche Fülle gibt allen Generationen:
das Beta deiner kaiserlichen Weisheit,
das uns Frucht bringt.
Mit dem Finger deines Geisthauchs
zeige mir mit lieber Sorgfalt
und mit Bild und Siegelzeichen
einzeln jeden Buchstaben deiner innigen Liebe:
auf dass ich – deine süßen Gaben
schon bis zum Mark vorkostend –
diese Buchstaben in Wahrheit
mit des Herzens reinem Auge
ausforsche und durchleuchte,
sie erlerne, sie wissen und sie voll und ganz,
soweit es hier in diesem Leben sein darf,
neu vertieft erkenne:
diese Buchstaben deiner innigen Liebe.
Lehre mich im Zusammenwirken
mit deinem Geisthauch das Tau,
das Zeichen höchster Vollkommenheit,
und führe mich hin zum Omega voller Vollendung.
Mach, dass ich in diesem Leben deine Schrift,
die voll von inniger Liebe und Neigung,
so vollkommen erlerne,
dass in mir kein einziges Jota leer bleibt
und nicht erfüllt ist von deiner innigen Liebe.“

Daher mag ich auch erdulden den Aufschub,
bis du, o Gott-Liebe, süße Liebe mein,
zu dir mich wirst berufen haben
und ich dich selbst in dir selbst werde
ohne Unterlass betrachten.
Amen, so geschehe es“.

(Gertrud von Helfta: Exercitia V, S. 149, Z. 335ff.)